Pastor-Sohrt-Haus ~ Auftrag und Verpflichtung

(Scan: Bernhard Asmussen)
Auf Anregung aus unserem Chronikkreis hat der Kirchenvorstand entschieden, dass das Gemeindezentrum in der Gintofter Straße in Steinbergkirche künftig „Pastor-Sohrt-Haus“ heißen soll.

Wer war Pastor Sohrt und weshalb wird er zum Namensgeber unseres Gemeindehauses? Um dies zu beantworten, müssen wir uns in die Zeit des „Kirchenkampfes“ zurückversetzen. In den 1930er Jahren wurde in der evangelischen Kirche ein erbitterter Kampf zwischen zwei Gruppierungen ausgefochten: den „Deutschen Christen“, die der NSDAP-Staatsführung nahe standen, und der „Bekenntnisgemeinschaft“. Die „Deutschen Christen“ verstanden sich selbst als antisemitische „Gottes Neue Sturm-Abteilung“, geführt von einem „arischen“ Jesus Christus. Dagegen stellte sich die „Bekennende Kirche“ um Pastor Niemöller, die frei von Partei und Staat „ganz Kirche“ sein wollte. Auf örtlicher und regionaler Ebene setzten sich besonders die Pastoren Wester, Torp und Miether für die Bekennende Kirche ein. Wolfgang Miether aus Gelting, der Vater unseres früheren Pastors Jörg Miether, ist im Februar 1945 an der Ostfront gefallen.

In der Kirchengemeinde Steinberg trat um 1935/36 dieser Streit besonders heftig zu Tage. Pastor Reuter, der sich selbst als „begeisterten Nationalsozialisten“ bezeichnete, stand kurz vor seiner Emeritierung und wollte zusammen mit der Kirchenleitung unbedingt einen Gleichgesinnten als seinen Nachfolger durchsetzen. Er scheiterte aber mehrmals an der Mehrheit im Steinberger Kirchenvorstand, die sich für den Kandidaten der Bekenntnisgemeinschaft einsetzte: Rudolf Sohrt. Doch trotz seiner Wahl zum Pastor in Steinberg durfte er weder die Kirche betreten noch Amtshandlungen außerhalb der Kirche durchführen. Erst am 30. August 1936, fast ein Jahr nach seiner Wahl, wurde er endlich in sein Amt eingeführt.

Pastor Sohrt hat hier kein leichtes Amt gehabt, denn immer wieder gab es Streit innerhalb des Kirchenvorstandes, mit den Schulleitern und den örtlichen „Parteigrößen“. Für ein gedeihliches Wirken war die ihm vergönnte Zeit auch viel zu kurz; denn schon 1938 wurde er Soldat und nahm am Einmarsch in das Sudetenland teil. Am 26. August 1939 wurde er als Unteroffizier zum Kriegsdienst einberufen und hat seiner Gemeinde nur hin und wieder im kurzen Urlaub von der Front dienen können, zuletzt zu Weihnachten 1940. Auch im Felde hat er, obwohl er Soldat und kein Militärpfarrer war, manchen Gottesdienst für seine Kameraden gehalten. Am 14. Juli 1941 ist er beim „Unternehmen Barbarossa“, dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion, gefallen, als er nach dem Kampf Verwundete auf dem Schlachtfeld aufsuchen und bergen wollte. Er hinterließ seine Frau Gertrud und seine drei kleinen Kinder Gertrud, Karsten und Hedwig. Die Kirchengemeinde Steinberg nahm am 17. August 1941 mit einer Trauerfeier in der überfüllten Kirche von ihm Abschied.

In einem Brief von Pastor Wolfgang Miether an den Kirchenvorsteher Johannes Magnus Petersen in Gintoft vom 12. August 1941 heißt es u.a.: „Als er ins Amt kam, war eine schwere Zeit für die Kirche, (…) und es konnte nicht ausbleiben, dass in solcher Zeit des Kampfes auch das Bild eines Pastors trübte in Gunst und Missgunst des Kämpfenden. Aber dies bezeuge ich vor meinem toten Kameraden vor Gottes Angesicht: Es fiel von ihm kein kämpferisches Wort und keine Gerichtsrede ohne diese eine Leidenschaft, dass er in dem Lichte Christi vor allzu sicheren Menschen und stumpfen Herzen einen Weg bereiten wollte. Die tiefen Nöte eines Lebens ohne Christus brannten ihm in der Seele, wenn er an seine Gemeinde dachte und wenn anders sein Blick auf unser deutsches Volk ging. Und jeder Blick in diese Not spannte seine Kraft und seinen Willen zu doppelt treuem Dienst und heißerer Liebe zu unserem deutschen Volk und zu unserer Kirche. (…) Ihr Pastor ist nun in der Gemeinde der Vollendeten. Der Auftrag aber bleibt. Und mit dem Auftrag tritt an Ihre Gemeinde der Mann Rudolf Sohrt als Erbe und Verpflichtung. (…) Darum ist hier nun ein Totendienst der Gemeinde auferlegt: Nun fange an! Nun hört das Wort! Nun greife nach diesem Zeugnis, dass das Gebet dieses treuen Dieners um Euch, die Liebe und das Opfer gesegnet sind; denn sein Dienst in Steinberg ist wie sein ganzes Leben: Saat von Gott gesät, am Tage der Garben zu reifen.“

Rudolf Sohrt wäre in diesem Jahr, am 25. September, 100 Jahre alt geworden.

Sein Vermächtnis will die Kirchengemeinde Steinberg nun erfüllen, in dem sie ihr Gemeindezentrum künftig nach ihm „Pastor-Sohrt-Haus“ nennt. Am Sonntag, dem 13. Januar 2008 wird in einem Gottesdienst in St. Martin die feierliche Namensgebung stattfinden.

Bernhard Asmussen
Dez. 2007

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